BERNDT WILDE


Texte

Dr. Fritz Jacobi

Berndt Wilde, Jahrgang 1946, gehört seit längerem zu den bekannteren ostdeutschen Bildhauern, die – ausgehend von der menschlichen Figur – deren Verwandlung in eine statuarische Zeichenhaftigkeit anstreben und einer körperlich-seelischen Empfindungskraft in plastisch gestraffter Form Ausdruck verliehen haben. Berndt Wilde hat in Dresden studiert, war Meisterschüler bei Werner Stötzer an der Akademie der Künste und lehrt heute an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee.

Die realistische deutsche Bildhauerkunst war und ist für ihn eine Art Nährboden und wesentliche Bezugsgröße, aber ein abstrahierendes Formwollen war – zunächst im Detail und wie eine Art innere Unruhe – in seinen Arbeiten stets spürbar und hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einer prägenden Wertigkeit entwickelt. Bildhauer wie Laurens, Manolo, Wotruba oder Chillida waren dabei so etwas wie Begleiter auf dem Weg zu einer eigenen Form. Auf der Suche nach einer charakterisierenden Grundkomponente im Werk von Berndt Wilde – Hans Sedlmayr spricht im Hinblick auf ein solches Grundmoment von ‚macchia’, in der elementare Intentionen eines Künstlers verankert sind, auf dieser Suche bin ich auf Begriffe wie ‚Verschachtelung’, ‚Montage’ oder ‚Ineinanderschieben’ gestoßen – Begriffe, die nur erste schematische Annäherungen sein können, aber bei eingehender Betrachtung des einzelnen Werkes doch Zugänge öffnen. Weshalb ‚Verschachtelungen’ oder auch ‚Verklammerungen’ oder ‚Ineinanderstoßen’?

Die Steinskulpturen, aber auch die kernhaft aufgebauten Bronzen, die jeweils typisch für Wildes bildhauerisches Schaffen sind, werden von ihm in gewisser Weise transparent gehalten, verlieren partiell ihre Schwere und erscheinen als Raum-Körper-Gefäße, die auf ein inneres Volumen, auf eine innere Raumhaftigkeit abheben. Natürlich bleibt die Massivität und blockhafte Gebundenheit dominant, aber sie ist durch eine segmenthafte Aufgliederung, durch ihre zusammengesetzt erscheinende Form zugleich dem Zustand des Lastens bis zu einem gewissen Grade enthoben – es entsteht die Wirkung von kubisch-gebrochenen Umwandungen, die einen potentiellen inneren Raum begrenzen, ihn abschirmen und die letztlich den Eindruck einer von innen her gespannten tektonischen Formation erreichen. Diese m.E. für Berndt Wilde spezifische Gestaltungsform, in der auch das zeichnerische Aufreißen und Aufspalten eine gewichtige Rolle spielt, wird hier an überzeugenden Beispielen vorgetragen.

Wenn man so will, sind mit dieser Charakterisierung auch Gegenläufigkeiten angesprochen, die Wildes Schaffen immer begleitet haben und die er zu einigen suchte. Das gelingt ihm meiner Meinung nach dort am stärksten, wo die spürbare innere Abstraktion in einer äußeren Abstraktion, also in einer Verknappung, in einer wirklichen Klärung der Formbezüge ihre Entsprechung findet. Und den Arbeiten der letzten vier Jahre, die hier in einer Auswahl zu sehen sind, ist deutlich anzumerken, daß der Künstler Konsequenzen in eine solchen Richtung gezogen hat: Der menschliche Körper, zumeist der weibliche Akt, tritt mehr und mehr zugunsten einer stereometrisch angelegten Grundform zurück bzw. wird in die tektonische Formlogik des Skulpturalen umgesetzt und eingespannt. Es will mir scheinen, als ob damit ein Prozeß des Sich-Befreiens eingesetzt hat, bei dem sicherlich die Gefahr der Gratwanderung zwischen Formalisierung und tatsächlichem inneren Formausdruck zu bestehen ist, der aber schon klar zeigt – und die Werke hier belegen es & 8722;, daß die Intensität ausdrücklicher als zuvor zur Entfaltung kommt, denn: Die flächig ausgespannten Oberflächenverläufe haben an PrÄgnanz gewonnen und verhelfen damit dem Kubischen zu wirklicher Lebenskraft! Das Blockhafte der Steine wird in der Formfamilie der vierseitig ausgerichteten Feldbezüge als festgefügtes und zugleich individuelles Gefüge in all seiner Kompaktheit erlebbar; das Spitzige und Staksige der Bronzen erhält durch die Energie der Diagonalen, Dreiecke und linearen Verkantungen seine in den Raum hineinstoßende Wirkung oder die Rundungen der Säulen umschließen die organischkörperlichen Ausformungen und verfestigen sie zu stelenhaften Formen archaischer Prägung. Immer wird – und das ist in den Zeichnungen und Collagen besonders zu empfinden – die Schwere des Körpers von einer immanenten Schwerelosigkeit untersetzt und in einen taktartigen Rhythmus hinübergeführt. Das verleiht diesen Arbeiten so etwas wie den Ausdruck einer Verspannung von schnittartig gefügten Formabfolgen, in denen das Statische in Bewegung versetzt und das Moment der Verwandtschaft, das Wildes Gestaltungen prinzipiell prägt, mit dem Moment der Distanz verbunden wird. Und obwohl diese Teilbarkeit, dieses fragmentarische Herausklappen Existenz in Frage stellt, sucht Berndt Wilde in seinen Werken doch den Zusammenhalt und letztlich die Harmonie des Ganzheitlichen.

Lassen Sie mich schließen mit zwei Passagen von Fritz Wotruba, die auch etwas von dem enthalten, was den Intentionen von Berndt Wilde entspricht: "Der Block, der Kubus sind Grundformen und Ausgangspunkte, zu denen eine Rückkehr immer möglich sein sollte. Aber das alles sind primitive Wegzeichen, stehenbleiben darf man bei ihnen nicht. In welchen Formen immer sich ein schöpferischer Wille manifestiert – bedeutsam ist einzig die Entschiedenheit, mit der er es tut." und: "Ich träume von einer Skulptur, in der Landschaft, Architektur und Stadt zur Einheit werden."


Ingeborg Ruthe

Schlesischer Sandstein ist von feinem Grauweiß, hart und oft von Oxyd-Einsprengseln durchzogen. Die "Große Frau" und der "Große Mann" sind extrem hohe, dünne Gestaltzeichen, steinerne Menschen-Masten, hoch oben überm irdischen Geschehen. Sie aber hält den Kopf im verwinkelten Arm, ihm ist die Hüfte abgeknickt. Trotz seiner majestätischen Körperhöhe wirkt das Paar beschädigt, irgendwie bedrängt und entzweit, also alles andere als klassisch idealisiert, wie man es von der Bildhauertradition kennt, aus der Berndt Wilde kommt.
Er hat seine neuen Figuren in der Friedrichshainer Galerie im Turm aufgestellt, zusammen mit streng-schönen, architekturhafte Strukturen aufnehmenden Reliefs, säulenartigen Türmen und korrespondierenden Zeichnungen. Typisch für Wilde sind Skulpturen, die beidseitig Reliefs sind, wachsend aus blockhaften, erdenschweren Formen. Die Oberflächen sind dann aber derart intensiv bearbeitet und strukturiert, daß sie geradezu malerisch wirken und eine fast schon autonome Bildhaftigkeit entfalten. Diese ist stark abstrahiert, weit entfernt vom Abbildhaften und Inhaltsschweren, vielmehr konzeptuell angelegt, dabei sehr sinnlich.
Beim Betreten des Galerieraums spürt man energetische Spannungen, die in den halb geometrischen, halb figürlichen Formen aber untereinander ausgetragen werden. Weder die Steine noch die Zeichnungen erzählen Geschichten und vermeintliche Botschaften sind nur zeichenhafte Verweise auf Körper, Bauten, Landschaften – viel Freiheit für die Gedanken des Betrachters.

Weitere Texte von:
Peter H. Feist
Judith Siegmund (englische Übersetzung)
Ulrich Rudolph
Adriana Augusti
Matthias Flügge

Finden Sie in dem Buch:
Berndt Wilde – Skulpturen, Zeichnungen, Texte
Deutscher Kunstverlag
ISBN 3-422-06652-7